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The week

from 16. until 22. December 2021

Bertolt Brecht

An die Nachgeborenen

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Foto: Imago/ Allstar

Von Brecht ist nicht bekannt, dass ihn die Sorge um seinen Nachruhm umtrieb. Sehr wohl aber die Frage, wie sich das Exil seit 1933 auf sein Werk und dessen Aufnahme auswirken würde. Im Gedicht An die Nachgeborenen, geschrieben zwischen 1934 und 1938 in Dänemark, wendet er sich zum Schluss an die Generation, die auftauchen wird „aus der Flut, in der wir untergegangen sind“. Diese „Nachgeborenen“ sollten es zu schätzen wissen, welch „finsterer Zeit“ sie entronnen sind, als Emigranten wie er „öfter als die Schuhe die Länder“ wechseln mussten. Brecht bittet: „Wenn es so weit sein wird, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist, gedenkt unsrer mit Nachsicht.“ Lutz Herden

Friedrich Schiller

Die Räuber

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Foto: Hulton Archive/Getty Images

Während Karl in böhmischen Wäldern mit einer Bande revoluzzt und brandschatzt, hofft Bruder Franz daheim auf Papas baldiges Sterben: „Es dauert mir zu lange!“ Der böse Bube hilft nach. Franz und Karl – jeder begehrt auf in Schillers Erstling, hochfahrend, gewaltig. Der Dichter schrieb das Stück 20-jährig heimlich an der Militärakademie. Die einzige weibliche Rolle darin, Amalia, zeigt, dass der junge Mann zu jener Zeit keinen blassen Schimmer von Frauen hatte. Die Rolle ist eine Katastrophe. Von den 68ern im Westen wurden Die Räuber als Drama ihrer Revolte gelesen; von Frank Castorf 1990 an der Volksbühne (Ost) vor allem als Abgesang aufs sieche Alte inszeniert. Karsten Laske

Bernhard Sinkel

Väter und Söhne

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Foto: Imago/teutopress

Im 1986 für die ARD produzierten Fernsehfilm wird die Fabel zum Zeitspiegel. Geheimrat Carl Julius Deutz, Seniorchef einer Fabrik für Farben und Teer im Rheinland, regiert Familie und Firma mit unerbittlicher Autorität. Anfang der 1920er Jahre bestimmt er seinen Enkel Georg zum Kronprinzen des Unternehmens, doch der verweigert sich und will zum Theater. Es kommt zu heftigem Streit, der alte Herr erleidet einen Herzanfall und stirbt. Sein Betrieb reüssiert als Teil des IG-Farben-Konzerns nach 1933 wie noch nie. Georg wird ein von Joseph Goebbels geschätzter UFA-Regisseur. Über die Verstrickung mit dem NS-Regime nähern sich die Lebenslinien einer Familie wieder an. Lutz Herden

Thomas Mann

Die Buddenbrooks

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Foto: Picture Alliance/Keystone

Zuweilen erkennt sie in sich die „dumme Gans“. Doch ist „Tony“ Buddenbrook (Liselotte Pulver in einer Verfilmung) zu höheren Einsichten fähig. Als brave Tochter aus einem Lübecker Patrizierhaus befolgt sie den Wunsch der Eltern, heiratet den ihr verhassten Bendix Grünlich und vergisst den geliebten Sohn des Travemünder Lotsenkommandanten. Es folgt abrupte Heimsuchung. Grünlich erweist sich als Hochstapler. Zu der Vernunftehe hatte Konsul Buddenbrook Tony mit den Worten genötigt: „Wir sind nicht dafür geboren, was wir mit kurzsichtigen Augen für unser eigenes kleines Glück halten.“ So verstiegen konnte auferlegter Liebes- und Lebensverzicht Mitte des 19. Jahrhunderts klingen. Lutz Herden

Käthe Kollwitz

Frau mit totem Kind

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Foto: Picture Alliance

Später erinnerte sich Käthe Kollwitz, dass sie im Jahr 1903 bei der Arbeit an dieser Lithografie eine Vorahnung nie ganz abstreifen konnte. Das Blatt Frau mit totem Kind sollte ihrem Zyklus Bauernkrieg zugeordnet werden. Dann aber, als die Künstlerin die Mutter zeichnet, die mit ungestümer Verzweiflung das tote Kind an ihren Körper presst, sitzt sie sich selbst Modell, schaut in einen großen Spiegel und hält dabei ihren jüngeren Sohn Peter im Arm. Um die zeitlose Anklage von Krieg und seelischer Not zu unterstreichen, wird das Motiv als Einzelbild veröffentlicht. Im Frühherbst 1914 geschieht, was sich der Mutter angekündigt hat: Ihr Sohn fällt als Kriegsfreiwilliger in Flandern. Lutz Herden