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Eine Scham, die bleibt

Manchmal enthält ein literarischer Text mehr klassenpolitische Wahrhaftigkeit als eine wissenschaftliche Abhandlung. Seit Jahrzehnten stellt das niemand so eindrucksvoll unter Beweis wie die französische Schriftstellerin Annie Ernaux. Zu ihrem 80. Geburtstag erschien jetzt eines ihrer bedeutendsten Werke mehr als 20 Jahre nach dem Original erstmals auf Deutsch: Die Scham. Ein schlichter Titel, hinter dem sich eine erschütternde Erkenntnis verbirgt, die Ernaux am Ende ihres autobiografischen Textes so formuliert: „Die Scham wurde für mich zu einer Seinsweise. Fast bemerkte ich sie gar nicht mehr, sie war Teil meines Körpers geworden.“

An alten Fotografien veranschaulicht sie schon auf den ersten Seiten, was sie damit meint. Alle Familienmitglieder sehen darauf aus wie etwas, das sie nicht…

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