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Zweiter Klasse

Am Bahnsteig in Riga wartet ein langer safrangelber Zug auf seine Abfahrt. Es ist früh am Abend. An den Türen haken Schaffner mit orangen Handschuhen Namen auf Listen ab oder informieren die Passagiere. „Sankt Petersburg, ja, weiter vorne!“ Hinter den spitzenbesetzten Gardinen im Zug richten sie sich ein. Es ist ein Waggon der dritten Klasse, „Platzkart“, mit mehr als fünfzig Liegen, die in einem offenen Raum stehen. Einige Passagiere ziehen sich Hausschuhe an, packen Essensvorräte aus – fünfzehn Stunden wird dieser Zug sie durch die Nacht tragen.

Es sind einfache Leute, die so von Riga nach Sankt Petersburg reisen – und überwiegend Angehörige der russischen Minderheit, die heute etwa 25 Prozent der lettischen Bevölkerung ausmacht. Lettland feiert dieses Jahr hundert Jahre Unabhängigkei…

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