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Das doppelte Monstrum

Eine der wichtigsten literarischen Strömungen unserer Zeit ist die Arbeit mit Archivmaterial, mit Fundstücken, mit O-Tönen, das antigenialische Programm einer Bergung von Lebenspartikeln, wie Walter Kempowski es vorgemacht hat. Als Swetlana Alexijewitsch vergangenes Jahr den Nobelpreis bekommen hat, meldeten sich schnell Gattungspuristen zu Wort, die meinten, sie sei keine wirkliche Autorin, da sie „nur“ Interviewmaterial sammle und zusammenstelle. Wer ihre aufwühlenden Bücher liest, wird diese Einschätzung absurd finden. Ähnlich absurd wie die Diskussion, die in den 90ern um Kempowskis Echolot geführt wurde, zum Beispiel im Literarischen Quartett. Marcel Reich-Ranicki fühlte sich damals nicht zuständig, das Werk sei ein mit viel Fleiß zusammengestelltes Chaos, aber keine Literatur.

Ann…

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