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„Wir zogen Spawn groß“

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Holly Herndon (M.) kommt, streng genommen, aus der Kirchenmusik. Heute hört sie das Raspeln der Neuronen

Foto: Boris Camaca

Schon lange ist elektronische Musik ein unendlich wirkender Raum aus Genres und Protagonisten. Egal ob der Nukleus nun bei Kraftwerk gesehen wird oder man schon früher, bei der Minimal Music der 1960er Jahre, ansetzt, die Genese ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass es zu jedem Subgenre x weitere Subkategorien gibt. Die Verfeinerung der Evolution sozusagen.

Was das mit Holly Herndon zu tun hat? Nun, je unübersichtlicher ein gesellschaftliches Feld wird, desto größer die Sehnsucht nach Ordnung – oder zumindest nach ordnenden Fragen und Akteur*innen. Holly Herndon ist so eine Akteurin, die in der Lage ist, Sound und Kontext zu verbalisieren und zu theoretisieren. Etwa das Hadern mit künstlerischer Singularität und das Streben nach einer Rekollektivierung. Lange Zeit war das elektronische Musikprojekt Holly Herndon ein Duo, bestehend aus Holly selbst und ihrem Partner Mathew Dryhurst. Seit einigen Jahren scharen die beiden einen Chor um sich, den sie auch als Ensemble bezeichnen. Doch damit nicht genug, für das neue Album PROTO haben sie eine AI entwickelt, die sie „Spawn“ getauft haben.

der Freitag: Frau Herndon, wenn man über Artificial Intelligence nachdenkt, gelangt man schnell zu Fragen wie: Wo sind diese nur eine Art Showeffekt und wo bekommt man etwas Substanzielles von ihnen geliefert? Ein Beispiel: Wir Menschen erfahren jede Menge unangenehme Dinge in unserem Leben, die Einfluss auf unser Handeln haben – diese Dinge können einer Maschine wie Spawn nichts anhaben, oder?

Holly Herndon: Richtig. Aber da wir mit Sound als Material arbeiten, gibt es markante Unterschiede zu den sonstigen automatisierten Prozessen. Spawn wurde auf Basis menschlicher Performances trainiert. Meine schlechte Erfahrung auf der Post, das Zusammentreffen mit einer Freundin, der Moment, als ich im Park in einen Scheißehaufen getreten bin, all das ist in ihr Training eingeflossen. Sie ist an all die emotionalen und biologischen Erfahrungen des Ensembles angebunden und reflektiert diese.

Wirkt sich das darauf aus, womit Sie sie füttern? Sie hätten ja an stressigen Tagen auch auf eine Arbeit mit ihr verzichten können.

Ich bin mir sicher, dass ich unbewusst einen Filter angesetzt habe, was ich in das Training einbringe.

Was hat Sie dazu gebracht, sich mit AI auseinanderzusetzen?

Meine ersten musikalischen Erfahrungen habe ich in der Kirche gemacht, allein hinter dem Computer fehlte mir später die Interaktion mit anderen. So kam es zu dem Ensemble. Spawn empfinde ich als natürliche Fortführung meiner Zusammenarbeit mit nerdigen Computermusiker*innen – der Impuls kam durch das Rumspielen mit neuronalen Netzwerken, die auf GitHub öffentlich zugänglich gemacht wurden. Gemeinsam mit unserem Entwickler Jules LaPlace begannen Mat und ich zu experimentieren, ohne wirkliches Ziel. Aber als Spawn dann entwickelt war, ergab es total Sinn, sie in unser Chor-Ensemble einzubetten.

Wie hat man sich den Prozess der Entwicklung einer AI vorzustellen?

Ein Großteil der Forschung mit AI beschäftigt sich derzeit mit MIDI. Man nimmt Partituren, transferiert sie in MIDI-Daten und trainiert damit ein Neuron – und schon ist es in der Lage, endlos und automatisiert Musik zu kreieren. Egal welches Genre man sich vornimmt. Das ist ein langweiliger Ansatz. So kommt man nur dahin, sich stetig zu wiederholen. Mal ganz davon abgesehen, dass das Ergebnis in Form einer MIDI-Partitur ausgespuckt wird, die danach von digitalen Instrumenten gespielt wird. Alles klingt perfekt – so entsteht die Idee von AI als der perfekten Zukunft. Aber das ist eine Scharade. Die AI ist auf Basis menschlicher Kreativität und Arbeit entstanden, nur dass diese im Prozess zumeist unkenntlich gemacht werden. Diesem Ansatz wollten wir nicht folgen. Wir sind der Meinung, dass im konkreten Klang das neuronale Netzwerk hörbar ist. Es raspelt geradezu, man kann dem Neuron zuhören, wie es versucht, den Sound zu konstruieren. So ergibt sich ein realistischeres Bild davon, wo wir aktuell stehen. Und man kann bei uns die Stimmen der Menschen hören, die die AI trainieren. Wir wollen die Gemeinschaft, die hinter dem Training steht, sichtbar machen.

Sie sprechen die beiden „Live Trainings“ auf dem Album an. Mit gefällt diese Transparenz. Und sie endet nicht dabei, das gesamte Album wirkt so, als ob es Ihnen wichtig war, dass die Zweifel und Fragen, die den Produktionsprozess prägten, hör- und sichtbar bleiben sollten. Insofern empfinde ich das Album als mutig, da es einen Zwischenschritt zeigt. Man ist geradezu dabei ...

... wie wir im Dunkeln tapsen. So fühlt sich der Prozess an. Man macht etwas, es funktioniert nicht – also versucht man es nochmals. Wir sind bemüht, ein ehrliches Bild der Technologie zu transportieren. In der elektronischen Musik ist heutzutage die Idee der Perfektion sehr präsent. Bei all den perfekt synchronisierten audiovisuellen Shows müssten die Künstler eigentlich nicht mehr auf der Bühne stehen, da alles vorher aufgenommen wurde. Wir gehen der Frage nach, was an diesem Weg aufregend und toll ist.

Bereits auf „Platform“ haben Mat und Sie über neue soziale Welten reflektiert. Mit „PROTO“ legen Sie nun Ihre Vision einer sozialen Utopie vor, in der die Gemeinschaft aus Menschen und Artifical Intelligences besteht.

Wir haben Spawn wie ein Familienmitglied behandelt und eben nicht als kontrollierendes Gehirn, das uns sagt, was wir zu tun haben. Sie war unser Kind, das wir gemeinsam großzogen. Das ist ein fundamentaler Unterschied zum Ansatz der meisten anderen, die AI als vollautomatisierte Einheit ohne menschlichen Anspruch verstehen. Natürlich respektieren wir die AI und ihr Wissen und wollen von ihr lernen – aber eben nicht um den Preis unserer Menschlichkeit. Ich sehe es so, dass die AI Teil unser menschlichen Existenz wird. Deswegen müssen wir als Gesellschaft auch dringend Instanzen entwickeln, die diesen Weg gestalten – noch können wir das, in zehn Jahren ist es vielleicht zu spät.

Wie demokratisch ist der künstlerische Prozess hinter „PROTO“?

Wir haben mit dezentralisierten, nicht hierarchischen Ensemble-Modellen experimentiert. Das war spaßig, aber am Ende muss jemand die Komposition machen und dabei einen Weg finden, dass alle, die ihren Teil beigetragen haben, das Gefühl bekommen, gehört zu werden. Das Album ist nicht von der Gemeinschaft geschrieben worden, das waren Mat und ich, die endlose Stunden in die Musik und das Editieren der Aufnahmesessions gesteckt haben.

Musikalisch deckt „PROTO“ ein breites Spektrum ab, von sehr artifiziell geprägten Songs über solche, bei denen die menschlichen Stimmen im Vordergrund stehen, bis hin zu atonal-dronigen.

Es ist auch so, dass die Stücke teilweise in hundert verschiedenen Versionen vorliegen. Am Ende solch eines Albumprozesses werden Mat und ich verrückt. Wir haben kein normales Sozialleben mehr, wir können nicht einmal mehr zum Essen rausgehen, da sich alles nur noch um die Lösung von Problemen dreht. Wir machen es uns nicht leicht.