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Väter: Täter

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Nicht alle Annäherungen von US-Soldaten waren gewaltsam: Nachkriegs-Tanzvergnügen

Foto: dpa

Sie war eine der Ersten, die mit der Legende aufräumten, nach dem Sieg der Alliierten habe es Vergewaltigungen nur in der damaligen SBZ durch russisch-sowjetische Soldaten gegeben. Mit ihrem 2015 erschienenen Buch Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs (DVA) hat die Historikerin Miriam Gebhardt, die als außerplanmäßige Professorin an der Universität Konstanz forscht und lehrt, viel Aufsehen erregt und – in manchen Kreisen – „Befremden“ hervorgerufen.

Auch in der amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszone gab es Gewalt, Plünderung und Vergewaltigung. Gebhardt kommt auf ungefähr 860.000 Personen in allen Besatzungszonen, denen direkte Gewalt widerfuhr. 180.000 sexuelle Gewalttaten hat sie für die westlichen Besatzungszonen errechnet, wo dazu lange Zeit genauso kollektiv geschwiegen wurde, wie es im Osten der Fall war.

Nicht jede sexuelle Begegnung erfolgte gewaltsam, aber bei sexuellen Kontakten und bei den massenhaften Vergewaltigungen wurden Kinder gezeugt. Die Begegnung mit solchen Kindern, aber auch deren weiteren Nachkommen hat Miriam Gebhardt jetzt in ihrem Buch Wir Kinder der Gewalt. Wie Frauen und Familien bis heute unter den Folgen der Massenvergewaltigungen bei Kriegsende leiden erneut zum Thema gemacht.

Die Rolle der Frauen

Gebhardt hat mit vielen Betroffenen gesprochen, deren Schicksal angehört und versucht, dem einzelnen, persönlichen tragischen Erleben, der individuellen Geschichte von Menschen Raum zu geben, sie nicht zu Beweismitteln für die Grausamkeit der einen oder anderen Seite in diesem Krieg zu degradieren und dennoch die Ursache all des Leides – deutsche Verbrechen in einem Vernichtungskrieg – nicht aus dem Auge zu verlieren.

Sie konstatiert an einer Stelle in den vielen informativen Kommentaren und Reflexionen, die die einzelnen Lebensberichte durchziehen, dass die Debatten über die Situation von Kindern in jener Zeit einen anderen psychologischen Hintergrund hatten. Sie wurden als widerstandsfähig betrachtet, fähig, erschreckende Erlebnisse schnell zu vergessen und aus Trümmerwüsten Abenteuerspielplätze zu machen. Sorgen machte man sich – so resümiert Gebhardt über eine Tagung von Fachleuten zum Thema aus dem Jahr 1948 – um die Mütter, die Frauen überhaupt. Ihnen falle die Verantwortung zu, die fragile Familie zusammenzuhalten, die Wiederherstellung der heilen, patriarchalen Welt der Zeit vor dem Krieg im Blick zu behalten.

Die Situation der Kinder im Osten handelt sie kurz und mehr als holzschnittartig ab: Sie meint, der neu gegründete Staat habe in den Veränderungen der materiellen Bedingungen auf der Grundlage der „kommunistischen Wirtschaftslehre“ die Möglichkeit gesehen, psychische Krankheiten zu bekämpfen und zu besiegen. Das ist eher unfreiwillig komisch. Es gab in der SBZ und später in der DDR durchaus Bemühen um die Kinder und auch progressive Erziehungsziele. Schon 1949 wurde an den Schulen die Prügelstrafe verboten. Das Beispiel des großen sowjetischen Pädagogen Anton Semjonowitsch Makarenko, der sich der verwahrlosten Kinder des Bürgerkrieges in der Sowjetunion angenommen hatte, machte Schule. Er orientierte sich an Johann Heinrich Pestalozzi und Jean-Jacques Rousseau. Sein Motto: „Ich fordere dich, weil ich dich achte.“

Vielleicht ist es zu viel verlangt, im Rahmen des Buches auch noch die weitere Entwicklung in Ostdeutschland und der DDR näher in den Blick zu nehmen. Aber es wird deutlich, dass die Geschichte ohne einen Blick auf ihre „Fußnote“, als die der Historiker Hans-Ulrich Wehler die DDR charakterisierte, nicht klarer wird und wie viel Ideologie sich auch im Blick auf sie dingfest machen lässt. Was Gebhardt dann über die Nachkriegszeit zur Rolle der Frauen, zur Sicht auf die Familie und die Kinder erklärt, hat allein mit Westdeutschland zu tun.

Wie viel „von ihm“ habe ich?

Wir Kinder der Gewaltschließt mit einem langen Gespräch mit einem Mann, dessen Mutter von sowjetischen Soldaten vergewaltigt wurde. Er war Teilnehmer an einer Talkshow, die nach dem ersten Buch zum Thema stattfand. Der Mann fragte, welche Spuren die Gewalt in den Nachfahren jener Generation, die ganz persönlich in die Mühlen von Gewalt und Zerstörung geraten sind, hinterlassen hat. Das hat die Autorin wohl auch zu diesem Buch motiviert. Ganz gleich, von welchem Schicksal berichtet wird, durchgängig bleibt allen Betroffenen die Frage nach dem Vater, der in anderer Weise abwesend war, als es die gefallenen und vermissten Soldaten jener Zeit waren. Eine Frau – hervorgegangen aus der Vergewaltigung durch einen GI – fragt sich immer wieder selbst, wie viel sie „von ihm“ hat. Sie fantasiert sich einen Vater zusammen. Andere erfahren erst Jahre später – als Erwachsene –, wer ihr Vater war und warum sie ihn nie kennengelernt haben.

Miriam Gebhardt führt ihre Überlegungen bis in die Gegenwart. Kürzlich hat der UNO-Sicherheitsrat eine Resolution gegen sexuelle Gewalt in Konfliktgebieten verabschiedet und ein energischeres Vorgehen dagegen gefordert. Es wurde nicht allzu viel erreicht. Das Thema bleibt auf der Tagesordnung, was anhand dieses Buches, das gerade darum sehr aktuell ist, bewegend deutlich wird.

Die Autorin ist selbst Besatzungskind eines französischen Offiziers und hat über ihre Familiengeschichte auf freitag.de gebloggt