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Nase voll Klischees

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Einer rappt, alle boxen. Dann verliebt sich Amir (Burak Yiğit)

Foto: JR Berliner Ensemble

Die Handlung ist schnell erzählt: Amir (Burak Yiğit), ein junger Mann aus einer palästinensischen Familie, lebt in Berlin-Neukölln. Als Staatenloser hat er keine Aussicht auf eine Arbeitserlaubnis, also schlägt er sich mit kriminellen Machenschaften durch, schon als Minderjähriger. Die Familie ist ihm alles, der deutsche Staat nichts. Bis er sich verliebt. Das verändert seinen Blick auf die Welt.

Mehr als diesen Einblick in das arabische Milieu von Neukölln gibt Amir, das am Samstag im Berliner Ensemble unter der Regie von Nicole Oder Uraufführung feierte, nicht her. Die Inszenierung ist von Anfang bis Ende vorhersehbar, sie wirkt wie eine enervierende Kokslinie voller Klischees, weil: Mit Drogen wird natürlich auch gedealt.

Amirs Mutter kommt aus dem Flüchtlingslager Sabra im Libanon, aus dem sie Anfang der 1980er Jahre vor dem Massaker christlicher Milizen floh. Der tote Vater wabert als Patriarch, dem stets die Ehre zu erweisen ist, durch den Text. Die Brüder (Tamer Arslan, Elwin Chalabianlou) sind ebenfalls ins Verbrechen verwickelt. Einer rappt, alle boxen. Letzteres wird für die Schwester (Laura Balzer) zum Ausweg: Als Box-Talent bekommt sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Nicht zu vergessen: der üble Beamte (Owen Peter Read), der Amir alle sechs Monate die Duldung verlängert.

Amir verliebt sich in Hannah (Nora Quest), die als Figur ebenso vorhersehbar ist. Sie ist aus der Provinz zugezogen, sie mag seine „traurigen Augen“. Hannah nimmt Amir mit in eine Vorstellung von Schwanensee an der Deutschen Oper. Amir fragt: „Wo ist das? Immer wenn ich Neukölln verlasse, krieg ich Panik.“

Die Grimme-Preis-prämierte Kultserie 4 Blocks lässt grüßen: Dargestellt ist das alles – von der Körpersprache arabischer Jungmänner, dem Neuköllner Slang und der Aussprache arabischer Wörter bis zur Inszenierung von milieuspezifischen Wertvorstellungen – überragend hyperauthentisch, so als wären die Schauspieler zum Casting der neuen Staffel aufgelaufen. Aber Authentizität für sich macht kein gutes Theater. Im Gegenteil, wo Authentizität die Maxime ist, lauert der Kitsch. 4 Blocks musste sich zwar auch den Vorwurf gefallen lassen, ein „Gangsterporno“ zu sein, aber dieses Clan-Epos bot nicht zuletzt Spannung der Extraklasse.

Bühnenbild, immerhin

Amir soll wohl eine konflikthafte, zwiespältige Person sein. Doch dieser Zwiespalt ist so zweifelsfrei und unaufgelöst, dass er nicht zu berühren vermag. Das Stück will nahegehen und kann doch nicht unter die Haut, weil es nicht aus seiner kann. Pure Deskription, trägt es in dieser Intention (auch musikalisch) so dick auf, dass dem Zuschauer keinerlei intellektuelle Transferleistung abverlangt wird. Alles ist Gefühl, es gibt keinen doppelten Boden, keine Hintergründigkeit, keinen Ansatz fürs Nachdenken, keinen Zweifel. Nicole Oder sagte einmal, sie wolle mit ihrem Theater „die Welt verändern“. Ein Blick auf die Verhältnisse gelang ihr an der Neuköllner Oper, mit der legendären Neukölln-Trilogie (Arabboy, Arabqueen und Baba).

Ein kreatives Moment gilt es jedoch zu loben. Es ist das von Franziska Bornkamm entworfene Bühnenbild. Die Idee ist simpel: eine große, weiße Wand, die sich um 360 Grad um sich selbst drehen lässt. Die Figuren laufen dagegen, auch wenn sie keinen Schritt tun. Neben Video-Elementen werden hierauf die von der Illustratorin Bente Theuvsen in Echtzeit auf die Folien eines Overhead-Projektors skizzierten Bilder gezeigt.

Entstanden ist das Stück im Rahmen der Autorenwerkstatt des Berliner Ensembles. Mit diesem Programm soll zeitgenössisches Theater gefördert und ermöglicht werden. Die Inszenierung von Amir firmiert unter dem Namen Mario Salazars, der es in ebenjenem Rahmen schrieb. Doch ein Blick ins Textbuch führt zu Irritation: Das Aufgeführte und das Aufgeschriebene haben fast nichts gemeinsam, von den Figuren und der groben Idee einmal abgesehen. Die Formulierung „nach Motiven des Dramas von Mario Salazar“ verweist auf diese Textferne und beschreibt zugleich das zugrunde liegende Problem: Da ist nur emotionale Verbindung, nichts, was über die Motive hinausgeht. Nichts, was über die Oberfläche der Verhältnisse hinausgeht, kein Verstehen, nur Fühlen. Das ist, wenn man so will, Theater-Populismus. Alle eint das dräuende Gefühl, dass etwas falsch läuft, nur was, das verbleibt im Raunen.

Ob eine größere Textnähe die Inszenierung sehenswert gemacht hätte, muss ein anderes Theater beweisen. Man kann sich in jedem Fall fragen, was es für das Autorenprogramm des Berliner Ensembles heißt, wenn ein dort entstandenes Stück letztlich nur in bis beinahe zur Unkenntlichkeit veränderter Form aufgeführt wird. Denn um jene „Motive“, nach denen das Stück inszeniert ist, auf die Bühne zu bringen, hätte es keines Autors bedurft. Sie finden sich grandios erzählt in der Serie 4 Blocks oder sind einfach in Neukölln zu studieren, rund um Sonnenallee und Hermannstraße, in nüchternen Polizeiberichten, sogar in mittelmäßigen Berlin-Reportagen. Ein Ticket der BVG ist nebenbei bemerkt auch günstiger als eine Theaterkarte.