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„Ich stehe ziemlich fest in meinen Schuhen“

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Der Niederländer Tommy Derksen hat die Nase voll. Vom Onlinepranger der Rechten. Also hat er sich bei denen kurzerhand selbst angezeigt

Foto: Ivo Mayr für der Freitag

An einem Samstag Ende März sitzt der Berufsschullehrer Tommy Derksen, 32, zu Hause in Arnheim auf dem Sofa. Ein letztes Mal liest er den Text, den er aufgesetzt hat, in der Anrede steht: „An die sehr geehrten Vertreter und Abgeordneten des Forum voor Democratie“. Darin bekennt er sich zur Bildungsfreiheit im Rahmen der niederländischen Verfassung. Dazu, dass Schüler und Schülerinnen zu reflektierten demokratischen Bürgern heranwachsen sollen. Der Satz, der ihn im ganzen Land bekannt machen wird, lautet: „Ich will nicht, dass jemand sich die Mühe machen muss, mich bei Ihnen anzuzeigen – darum melde ich mich freiwillig.“ Tommy Derksen schickt seinen Brief an eine Mailadresse der Partei. Und hat sich damit selbst an den Pranger gestellt.

Das Forum voor Democratie (FvD), das erst seit zweieinhalb Jahren existiert, ist derzeit die umstrittenste Partei der Niederlande. Sie geriert sich, wie bei europäischen Rechtspopulisten heutzutage üblich, als EU-feindlich, nennt die etablierte Politik ein „Kartell“ und Klimaschutz-Maßnahmen „grünen Wahnsinn“. Mitte März lancierte die Partei einen Online-Aufruf, der dem sogenannten Lehrerpranger der AfD in verschiedenen Bundesländern in Deutschland sehr ähnelt. Beinahe täglich, ist da zu lesen, gebe es Berichte über „Indoktrinierung im niederländischen Unterricht“, die man nun inventarisieren wolle. „Mailen Sie Ihre Erfahrungen mit politisch eingefärbten Examensfragen, einseitigen Büchern (...), parteiischen Dozenten.“

Wenige Tage später gewinnt die FvD die Provinzialwahlen und wird damit in der Ersten Kammer des Parlaments, vergleichbar mit dem Bundesrat, zur stärksten Kraft. Parteichef Thierry Baudet, von Haus aus Jurist und Historiker, der sich gerne als Intellektueller inszeniert, hält eine 20-minütige Rede, teilweise in lateinischer (!) Sprache. Darin zeichnet er ein Szenario gesellschaftlicher Bedrohung, gegen die seine Partei in den Streit ziehe: „Wir werden unterminiert von unseren Universitäten, unseren Journalisten, von den Leuten, die unsere Kunstsubventionen empfangen und unsere Gebäude entwerfen.“

Tommy Derksens „Selbstanzeige“ verbreitet sich rasch in den sozialen Medien. „Ich stehe für guten Unterricht. Ich lasse mich nicht einschüchtern“, schreibt er auf Twitter. So gut wie alle Zeitungen berichten über den „Dozenten aus Arnheim“. Der „Meldepunkt“ der FvD ist ein heißes Thema, dem sich auch die tonangebende Late-Night-Talkshow Jinek widmet. Hier verläuft die Debatte hitzig. Lehrer Derksen sitzt dort, als Einziger mit hochgeschlagenen Hemdsärmeln, und argumentiert angenehm souverän. Er sitzt dort zusammen mit Harm Beertema von der Partei für die Freiheit (PVV), der Geert-Wilders-Partei. Derksen spricht über das Lehrer-Ethos, Pädagogen gäben keine Denkrichtungen vor. Schüler und Schülerinnen würden für den Onlinepranger missbraucht. Schließlich würden sie zum Petzen angestiftet, das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler würde gestört.

Geh mal zu Meneer Derksen

An der Aventus-Berufsschule in Deventer kennt ihn jetzt natürlich jeder. „Wie steht’s mit der Indoktrination?“, witzelt eine Kollegin im Vorbeigehen. Andere machen eine Bemerkung über seine Tochter, 13 Monate alt, die im Kinderwagen neben dem Tisch in der Kantine schläft. Eigentlich ist Montag sein freier Tag, an dem Derksen mit seiner Tochter in den Zoo oder schwimmen geht. Doch es sind besondere Zeiten. Weil jetzt schon internationale Journalisten seinetwegen nach Deventer kommen.

Allerdings ist dieser Mann, der hier erst seit einem Dreivierteljahr Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren auf „finanziell-administrative Berufe“ vorbereitet, ohnehin bekannt wie ein bunter Hund und beliebt. Auf jedem Flur grüßt er jemanden, Lehrer, Hausmeister, Schüler. Examenskandidaten, nicht nur aus seiner Klasse, kommen auf ihn zu und stellen ihm Fragen. Meist nur, um sich sicherer zu fühlen, sagt er. Manchmal aber gibt es noch Inhaltliches zu erklären. Die Schüler empfehlen ihn weiter. Die Kollegen auch. „Geh mal zu Meneer Derksen“, raten sie, wenn jemand zwischen den Stunden eine Frage hat.

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Foto: Ivo Mayr für der Freitag

Wenn man ihn so in seinem Arbeitsumfeld sieht, denkt man natürlich sofort die Selbstanzeige mit. An die Verve, mit der er den Berufsstand verteidigt. Derksen ist Lehrer aus Leidenschaft und Berufung. „Als ich in der Ausbildung zum ersten Mal vor einer Klasse stand, wusste ich, dass ich dies künftig tun würde“, sagt er. Sein professioneller Leitfaden? „Solides Wissen über Fach und Beruf. Autonom im Handeln, aber doch ein Teamspieler. Enthusiastisch und engagiert. Gerecht und integer. Die Klasse als sicherer Raum für alle, in dem man Fehler machen darf. Flexibel und gut organisiert.“

Klingt ein wenig eitel? Derksen wirkt nicht eitel. Er erscheint einfach wie ein Idealist, durch und durch. Was eine pragmatische Haltung nicht ausschließt. Dass er sich in den Pausen Zeit nimmt für Nachhilfe, ist keine Selbstaufgabe. „Wenn sie ihren Stoff jetzt gut kennen, werden für mich nächstes Jahr die Stunden einfacher“, erklärt er. Ähnlich ist das auch mit der politischen Wahrnehmung. Nach seiner Selbstanzeige gilt Tommy Derksen im ganzen Land als „linker Lehrer“, der gegen das Online-Denunziantentum der Populisten antritt. Gewisse äußere Codes scheinen das Image zu unterstreichen: Lockenmähne, Bart, legeres Hemd, All-Star-Turnschuhe. Der Rebell am Dozentenpult, oder?

Doch Derksen sieht sich gar nicht als linken Lehrer. Gewählt hat er schon alles, die Sozialisten und sogar die Wilders-Partei PVV. Da war er 19 Jahre alt. „Weil ihr Bildungsexperte damals gute Ideen hatte und wegen ihres Pflegekonzepts, was damals meine Großeltern betraf.“ In seiner Selbstanzeige kündigt er den Adressaten an, er werde „rassistische, menschenverachtende, sexistische, geschichtsverfälschende oder demokratiefeindliche Aktivitäten“ weiterhin benennen. Seitens des Forum voor Democratie – „und genauso täte ich das bei jeder anderen Partei“. Und: Aus Prinzip wählt er keine Spitzenkandidaten, sondern wählt das Thema, das ihn tangiert.

Derksen ist kein Ideologe. Er ist einer, der sich schon aus Prinzip vor keinen Karren spannen lässt. In der eigenen Schulzeit fanden Lehrer ihn mitunter schwierig. Derksen scheint sich eine solide Abneigung gegen Autoritäten bewahrt zu haben. Seine Devise: „Wir atmen dieselbe Luft, also muss jeder seine Meinung sagen können!“ Mit acht Jahren ging Tommy Derksen zum Bürgermeister seines Städtchens. Der Kletterbaum in der Nachbarschaft sollte gefällt werden. Der Bürgermeister versprach, den Baum zu verschonen. Wenig später fiel er doch der Säge zum Opfer. „Das erste Mal, dass ich von der Politik enttäuscht war“, sagt er – und lacht schallend.

Tommy Derksen stammt aus der Peripherie, aus einer Gegend namens Achterhoek im Osten der Niederlande, was wörtlich „hintere Ecke“ bedeutet. Dort hat er gelernt, dass man sich auf der Straße grüßt, ausnahmslos. Dass man immer ansprechbar ist und sich die Wahrheit offen ins Gesicht sagt. Es passt ins Bild, dass der Sport, den er betreibt, Rugby ist. Er spielt in der zweiten Mannschaft der Arnhem Pigs, unterste Liga. Was er daran mag? „Die körperlichen Grenzen zu erweitern. Einfach draufgehen, ohne viel Getue. Und nach einem harten tackle trinkt man, wenn das Spiel vorbei ist, ein Bier zusammen.“

Auch politisch spiegelt sich diese Geradlinigkeit wider: Tommy Derksen, aktives Gewerkschaftsmitglied, streikte in diesem Frühjahr bereits für bessere Arbeitsbedingungen. Sollte die Gewerkschaft einen unbefristeten Streik ankündigen, ist er dabei. Dass er einen Jahresvertrag hat, der erst im Sommer verlängert werden soll, beeinflusst ihn nicht. „Ich bin professionell, habe gute Referenzen, die Schüler schätzen mich sehr. Ich weiß, dass ich guten Unterricht gebe. Wenn so ein Streik Folgen hat für meinen Vertrag, dann ist es mir wichtig genug, diese in Kauf zu nehmen.“

Das Gleiche gilt für seinen Protest gegen den Lehrerpranger. Von Kollegen, Direktion und der PR-Abteilung seiner Schule erfuhr Tommy Derksen viel Unterstützung. Doch selbst wenn es anders gekommen wäre, hätte das an seinem Vorgehen nichts geändert. „Ich fand, dass ich das tun musste, um zu zeigen: Das darf in den Niederlanden nicht geschehen! Auf diese Art gehen wir nicht miteinander und nicht mit Lehrern um!“

Seine Abneigung gegen die „Verpfeifer- Liste“ ist das eine. Den wachsenden Hang zum Denunzieren nimmt er durchaus wahr im Land. Schon vor Jahren wollte die Freiheitspartei mit ihrem berüchtigten „Polen-Meldepunkt“ Klagen über osteuropäische Arbeitsmigranten sammeln. Derksen sagt: „Wenn wir Lehrer nicht professionell sind oder Fehler machen, gibt es Vertrauenspersonen, Schülervertretung, Betriebsrat, die Schulverwaltung. Es gibt checks and balances. Und man sollte das Gespräch in der Klasse angehen statt über eine solche Meldestelle.“

Der Vorwurf der Indoktrinierung ist für Tommy Derksen nicht nur absurd. Er trifft ihn in der Berufsehre. Das Lachen, das in seinen Gesichtszügen nie weit entfernt ist, verschwindet für einen Moment völlig, und seine Stimme wird rigoros, als er sagt: „Dass wir diese Absicht haben sollen, das weise ich wirklich weit von mir! Das machen wir nicht! Das ist niemals das Ziel im Unterricht, es geht vor allem darum, Leute zum Denken und Hinterfragen anzuregen. Wer sagt, dass wir indoktrinieren, liegt vollkommen daneben.“

Ein Verdacht genügt

Vom Forum voor Democratie gibt es bisher keine Reaktion – wenn man von der Ergänzung auf der Website absieht, der Aufruf schließe weder das Filmen von Lehrern noch die Öffentlichmachung von Namen ein. Viel Resonanz erhielt Tommy Derksen dafür von Kollegen und Kolleginnen. Auch von solchen, die sich bedroht fühlen. Durch seine Aktion spüren sie wieder den alten Enthusiasmus und Stolz auf ihre Arbeit. Und so wie er selbst dem Beispiel der Berliner Lehrer folgte, die sich gegen den Denunziations-Aufruf der AfD richteten, hat auch Lehrer Derksen Nachahmer gefunden: „250 bis 300“ zeigten sich nach seinem Schreiben ebenfalls selbst an.

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Foto: Ivo Mayr für der Freitag

Es ist dieses Echo, das Tommy Derksen antreibt. In einer Zeit, in der Populisten Wissenschaft zu nichts weiter als einer Meinung degradierten, wie er beklagt. In der etwa in der Türkei massenhaft Lehrer festgenommen werden, „einfach so, ein Verdacht genügt“. Hat er Angst angesichts dieser Entwicklungen? „Um mich selber nicht. Ich stehe ziemlich fest in meinen Schuhen. Aber ich mache mir Sorgen, dass andere Lehrer, die sich eingeschränkt fühlen, ihre Stunden anpassen. Dass sie ihre Professionalität vernachlässigen, um dem Bild einer bestimmten Partei oder einem bestimmten Gedankengut zu entsprechen. Und so weit dürfen wir nicht kommen.“

Inzwischen ist seine Tochter im Kinderwagen aufgewacht. Tommy Derksen nimmt sie auf den Schoß. Bevor es nach Hause geht, wird er ihr noch die Windeln wechseln. Und am nächsten Morgen wird er wieder an seinem Platz stehen, im Klassenraum, dessen Freiheit ihm unantastbar ist. Mit Enthusiasmus, selbstverständlich. „Denn wie sollen die Schüler sonst enthusiastisch zu meiner Stunde kommen?“

Tobias Müller lebt in Amsterdam. Er arbeitet als freier Journalist und schreibt vor allem als Korrespondent aus den Benelux-Staaten