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Alles wird anders

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Die größte Eisenmine der Welt in Brasilien. Was hätte Adorno dazu gesagt?

Foto: Vanderlei Almeida/AFP/Getty Images

Wir haben viel zu retten: Wälder, Meere, Menschen. Die Vernutzung von Menschen als Material und von Erde als Ressource wird bereits in Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung von 1944 beklagt: „Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“, schreiben die kritischen Theoretiker und machen darauf aufmerksam, dass der aufgeklärte Traum von einer Welt, die von Rationalität beherrscht wird, schnell in sein Gegenteil umschlagen kann: Denn diese Herrschaft des Subjekts über die Welt bedroht Mensch und Welt gleichermaßen.

Heute ließe sich Adornos und Horkheimers Warnung auch geopolitisch als Appell an eine ökologische Ethik verstehen. Denn das Anthropozän sucht uns heim. Die Erde zeigt die Spuren, die wir auf ihr hinterließen. Um da mit aufgeklärtem Denken auf der Höhe der Zeit zu bleiben, bedarf es nicht nur harter Wissenschaften, sondern auch der philosophischen Interpretation sozialer und technologischer Kontexte. Armen Avanessians Metaphysik zur Zeit und Daniel Falbs Geospekulationen. Metaphysik für die Erde im Anthropozän geben dazu Denkanstöße.

In Avanessians Buch sollen grundlegende Begriffe der Philosophie überprüft werden: Substanz und Akzidenz, Materie und Form. „Was bedeutet es für eine Gesellschaft“, fragt Avanessian, „wenn sich ihre metaphysischen oder naturwissenschaftlich verbürgten Begriffe und Konzepte verändern, und zwar nicht unmerklich über Generationen hinweg, sondern innerhalb weniger Jahre, so dass sich dies im Leben Einzelner bemerkbar macht?“ Er geht bei der Beantwortung dieser Frage nicht systematisch vor, sondern faltet Grundbegriffe der Philosophie aphoristisch aus.

Kausalitätsbestimmungen etwa werden bei angenommenen Effekten des Klimawandels fragwürdig. Eine strikte Unterscheidung von Ursache und Wirkung ist schwierig. Kommen bestimmte Todesarten tatsächlich durch Feinstaub und Dieselfahrzeuge zustande? Oder haben diese Sterblichen schlechte Gene? Schwer zu sagen. Auch der Substanzbegriff wird im 21. Jahrhundert fluid: Durch Nanotechnologie können wir Material so manipulieren, dass nicht nur seine äußerliche Form betroffen ist, sondern es substanziell verändert wird.

Rein ins Unheil!

Es ließe sich fragen, ob sich wirklich die philosophischen Bestimmungen wandeln oder sich nicht eher die Anwendungsfälle erweitert haben. Hier stolpert das Buch und schießt um schöner These willen steil.

Während Avanessian philosophische Skizzen liefert, finden wir in Falbs Geospekulationen eine ausgefallene Großtheorie, die zuweilen an Science-Fiction erinnert. Sie verbindet Geologie, Evolutionstheorie und Kultur. Grob gesagt fordert ihr Autor, nicht nur die 300.000 Jahre des archaischen Homo sapiens zu betrachten, sondern „die ganze 2,5-Millionen-jährige Geschichte der Hominisation als Referenzrahmen zu verwenden.“ Ein solcher Gesamtblick schwächt die Hybris des modernen Subjekts zumindest ab.

Im Zeichen des Anthropozäns geht es Falb um Global Governance, also um weltweit geltende Regeln und transnationale Mechanismen, um der Krise Herr zu werden. Auch Kants Ethik dient hier als Bezug. Allerdings überspringt man Falbs Kant-Exkurse lieber. Bestenfalls kann man sie mit Humor nehmen, schlimmstenfalls sind sie philosophisch ärgerlich.

Auch in der hochgeschraubten Sprache zeigt sich ein Problem – das Problem des Jargons: „‚Geologische Zeit‘ ist nichts als ein spezielles und winziges Ding: Kogs in den Kortizes von Lebenden, die dieses Wissen verkörpern, sowie Apparaturen und Lehrmaterialien, die sich ihm verdanken: das hypersterile hypersekundäre Filament des Extraterrestrischen.“ Die faszinierenden Momente des Buches liegen im Ungedeckten. Falb geht auf Entdeckerfahrt und weist auf den Krisenmodus: „Extreme Innovationsraten stellen das kulturelle Aussterben auf Dauer. Die kulturelle mass extinction wird zum regulären Vollzugsmodus kultureller Evolution im frühen Anthropozän.“ Das klingt nach Unheil.